Der schützende Rollstuhl über Deutschland

(Niels Walker)

Es ist kalt geworden. Ein Sicherheitsmann stellt seinen Kragen auf und schließt den obersten Knopf seiner Jacke. Eine Fahrzeugkolonne fährt vor, aus einem Mercedes Transporter gleitet eine Rampe, der Sicherheitsmann blickt aufmerksam. Eine kleine Menge Leibwächter springt aus den Wagen, dazu noch einige Sekretäre. Der Sicherheitsmann wird nervös, es sind ihm zu viele Leute. In dem Moment rollt er hinaus: Der personifizierte Drang zur Sicherheit. Das deutsche Volk strebend nach Sicherheit, gegossen in eine einzige Person, das ist Wolfgang S. Ein Leibwächter springt herbei und schiebt ihn auf die Tür zu. Sie gleitet auf und die gesamte Entourage um die Sicherheit verschwindet im Gebäudeinnern, im warmen.

Die Sicherheit, sie ist angekommen! Ein kleiner Mann, 68 Jahre alt, blickt in den Saal. Er ist die Sicherheit. Die Sicherheit für uns alle. Der Leibwächter lässt von ihm los, er will Macht zeigen, Stärke! Er gleitet voran, Chrom blitzt von seinen Seiten, mit festem Händegriff drängt er vor! Wenn nicht ein Mann wie er den unerschütterlichen Schutz vor dem Bösen der Welt gut verkörpert, wer dann? Auf der Bühne kommt er zum stehen, sein Sitz aufgerichtet, er verschafft sich einen Überblick. Vor ihm blickt er in Gesichter von Achtung, Respekt und leichtem Spott. Aber er blickt nur in die Gesichter, nicht darüber hinweg. Dafür sitzt er zu niedrig, er kann wieder einmal nur die erste Reihe sehen. Ein kurzes Schmollen fährt durch sein Gesicht, doch vergräbt er es sofort wieder unter Entschlossenheit. Wenn ihm kein Überblick gelingt, dann wird er dafür sorgen. Wer in der dritten Reihe sitzt? Man wird es ihm sagen. Welcher Kellner in Wirklichkeit eine Pistole im Servierwagen versteckt hält? Er wird alles durchsuchen lassen. Welche Hostess eine Kampfausbildung hat? Er wird alle durchleuchten lassen. Und noch viel mehr. Wo des Kellners Pistole herkommt, wo die Hostess ihre Schuhe kaufte und welche Blattstärke die Taschentücher der verschnupften Dame am Empfang haben. Alles wird er herausfinden. Dank ihm ist all dies nur noch eine Fingerkuppenübung.

Er rollt ein wenig zurück, zieht die Fixierbremse an und stellt sich den Fragen der Menge. Sein Blick ist dabei starr und ernst. Was hinter den Fragenden lauert, das sieht er nicht. Doch er fürchtet es. Die Unwissenheit verbindet sich mit seiner Phantasie. In seinem Kopf entstehen Bilder von möglicher Gewalt, von Anschlägen, Bombenbauern und Entführern. Seine Gedanken rasen, es braut sich in seinem Kopf zusammen. Noch während er spricht sieht er vor Augen schon eine Entführung.
Doch nichts passiert. Sein Misstrauen wächst. Wenn er schon nicht sehen kann, was in einer Menschenmenge vor sich geht, so denkt er, dann sollte es die Menschenmenge am besten gar nicht erst geben. Er überlegt, er begründet vor sich selbst: In einer Menschenmenge ist keine Sicherheit, es kann alles passieren, Belästigung, Diebstahl, spontane Geiselnahme.

Die Menge vor ihm ist ruhig, viele schreiben, einige geben Handzeichen zur Wortmeldung. Keiner aus der Menge ist mehr frei. Damals 2008, hat er endlich den Informantenschutz aushebeln können. Jeder, aber auch jeder der dort vor ihm sitzt, steht unter seiner Beobachtung. Nicht nur von hier, von der Bühne aus, nein er überwacht inzwischen jeden von ihnen.
Auch wenn es nur noch die handzahmen sind. Die Hardliner und die Schnüffler gibt es nicht mehr (Schmunzelnd erinnert er sich daran, wie diese sich als "investigativ" verteidigten, er diese dann aber alle zermürbte und verbieten ließ.). Dennoch, die Menge gefällt ihm nicht.
Artikel 8 muss auch noch weg, denkt er sich. Erst dann ist endlich Sicherheit. Man müsse evolutionär denken. Artikel 8 muss weg.

Draußen bricht die Nacht herein, der Atem des Sicherheitsmannes kondensiert in der Luft. Er steht allein, es ist niemand zu sehen. Er patrouilliert am Gebäude entlang, dabei sieht er durch ein Fenster eine kleine Menge von Menschen, die aufgeregt miteinander diskutieren. In der Mitte der Menge sitzt ein älterer Mann im Rollstuhl. "Was die wohl aushecken?" denkt er sich und kehrt zu seinem Posten zurück.


Niels Walker



Swami Durchananda: "About this Schäuble thing"