Geschichtsunterricht für Nachzügler

(Daphne Elfenbein)

09. November1 - das ist der Tag an dem die Mauer fiel. Seltsamer Weise kein Feiertag. Man weiß nicht, warum der Mann auf der Pressekonferenz sich verplappert hat und danach der Mob die Grenzübergänge stürmte. Vielleicht hat der die Nacht zuvor was getrunken und sein Sprachzentrum lag im Nebel. Jedenfalls ging sein Lapsus linguae in die Geschichte ein und 17 Jahre später wird es im Radio gesendet zwischen den Brandenburgischen Konzerten und der Wassermusik. Mich persönlich interessieren nur geschichtliche Ereignisse, die sich in Feiertagen manifestieren so wie der 03. Oktober zum Beispiel2. Was war da eigentlich? Das weiß keiner. Ich weiß nur, dass es seit dem 03. Oktober keinen 17. Juni mehr gibt. Schade eigentlich. Denn die Feiertage im Sommer sind dünn gesät und je mehr Tageslicht ein Feiertag hat, desto mehr hat der Mensch davon.

Um diese Jahreszeit sieht’s duster aus. Der Hund, der jetzt hinter dem Ofen hervor kommt und sich für etwas einsetzt, hat das Bundesverdienstkreuz verdient. Stellt euch vor, die Straßen sind dunkel und leer und unter den Laternen streunen Scharen von Hunden mit Bundesverdienstkreuzen um den Hals, wobei nicht jeder intelligente Hund bei einer Fußgängerampel stehen bleibt und die Botschaft der grünen Männchen versteht. Kein realistisches Bild also. Man sieht vielmehr in hochgeschlagene Kragen geduckte Leute, die, unterwegs in privater Mission, schwere Tüten tragen, mit zwei Flaschen und einer Fluppe im Mund um die Ecke biegen oder in ein unsichtbares Telefon hinein persönliche Botschaften vor sich hin murmeln. Zwei Schwule geben sich einen Abschiedskuss, eine Mutter belehrt ihr Kind über die Verkehrsregeln und beim Love Sex Dreams-Discounter in der Potsdamer Straße gehen die lila Leuchtreklamen an. Ein paar dunkle Orakel werden befragt, Horoskope für’s kommende Jahr erstellt. Nichts zum Berge versetzen, wie ein Bankunternehmen auf einem Werbeplakat großspurig vorgaukelt, das glaubt eh keiner mehr, eher eine Zeit zum kleine Brötchen backen und möglichst unauffällig seine Hausaufgaben machen. Unauffällig...

Denn die Polizei sperrt schon wieder die Straßen ab und hält Verkehrsteilnehmer an um die Fahrzeuge auf vorschriftsmäßigen Betrieb und Verkehrstauglichkeit zu prüfen. Zweirädrige und Vierrädrige. So kann man nur froh sein, unerkannt in den eigenen Hausflur zu gelangen und die Tür zum Privaten hermetisch hinter sich zu verschließen. Denn wen interessiert es noch, dass zwei Wissenschaftsministerinnen verschiedener Länder zu einem Pressefrühstück beim Vorstand zusammen kommen, um umfassende Reformen zu diskutieren? Fotografen herzlich willkommen. Unerkannt zu bleiben ist in diesen Zeiten von unschätzbarem Vorteil. Denn irgendetwas finden sie immer, diese preußischen Aufpasser, das reformbedürftig oder nicht vorschriftsgemäß ist. Sei es der Zeitpunkt, zu dem Mauern im genehmigten Ansturm erobert werden dürfen oder sei es das Zweirad, bei dem das Rücklicht flackert. Sicherheit geht uns über alles.

Wer aber erteilt uns die Erlaubnis, die Tür aufzustoßen und hinaus zu gehen und schamlos ein Gespräch mit den Umstehenden anzufangen? Erfahrungsgemäß ergreifen diese die Flucht, weil sie in der freundlichen Ansprache einen Verkaufstrick vermuten. Wer steht rum und redet über Gott und die Welt, hilft jemand, der bedürftig ist oder spielt mit ein paar Kindern Fußball? Wer schaut nicht auf die Uhr und lässt den Einkaufszettel fallen, die To-do-Liste und den 5-Jahres-Plan? Wer gibt den Kampf auf gegen den Schuldenberg und kapituliert vor den schriftlichen Aufforderungen zum Erbsenzählen durch die Behörden, die man heimlich schon Stasi- oder Nazi-Zentrale nennt. Vergessen das Gebot den Mund zu halten, um ja nicht aufzufallen wie ein bunter Hund, der irgendwo der staatlich verordneten Erziehung (respektive Kastration) durch die Lappen ging, der dem gnadenlosen System des Lach- und Sprechverbotes, dem Diktat von Ordnung und Sicherheit entschlüpft ist, der vielfach unterschätzten Notwendigkeit, eine rechts- und geschäftsfähige Person zu sein! Ha! Wir alle sind es! Wir sind das Volk. Nur haben wir’s vergessen. Vielleicht weil wir nicht mehr die gleiche Sprache sprechen und uns nur mehr durch Bellen verständigen. Egal warum. Ich für meinen Teil gehe jetzt auf die Straße, gekleidet in mein Blut…und ….



Daphne Elfenbein


1 9. November 1989 - Das SED-Politbüromitglied Günter Schabowski erwähnt auf einer Pressekonferenz scheinbar beiläufig, die DDR habe mit sofortiger Wirkung die Grenzen geöffnet. Wenig später stürmen Tausende DDR-Bürger über die Grenzübergänge. 28 Jahren nach ihrer Errichtung fällt die Mauer.

2 3. Oktober 1990 - Um 00.00 Uhr wird zu den Klängen des Deutschlandliedes vor dem Reichstagsgebäude in Berlin die schwarz- rot-goldene Flagge aufgezogen. Hunderttausende feiern auf den Straßen Berlins und in vielen anderen Städten die Deutsche Einheit.