(Daphne Elfenbein)
Ich hab keinen Bock! Obwohl 2007 ist und nicht 1976, wo ich anfing, keinen Bock zu haben. Zum Beispiel heute Morgen. Beinah hätt` ich einen Stadtarbeiter umgefahren. Der Mann stand mitten auf dem Weg, trug einen Lärmschutz und pustete mit einer amtlich genehmigten Dieselmaschine das Laub beiseite, das fest am Teer klebte vom letzten Regen. Ihr könnt euch vorstellen, wie erfolgreich er war mit seinem Höllenlärm. Hören konnte er mich ja nicht, wie ich mit dem Fahrrad um die Ecke fegte. Haarscharf wich er meiner Vollbremsung aus und guckte mich vorwurfsvoll an.
Im Übrigen bin ich dagegen, dass man Laub wegräumt im Herbst. Warum muss eigentlich immer alles weggeräumt werden, was so von oben kommt? Das Laub düngt den Boden, wenigstens da, wo er noch nicht von Asphalt erstickt ist, und der Wind macht so schöne Sachen damit, dass einem der November geradezu sympathisch erscheint.
Schade. Zu gern hätte ich meinem Chef heute früh erklärt, dass meine bedauerliche Verspätung unvermeidbar war, da ich einen Angestellten der Stadt Berlin umgefahren habe; für einen guten Zweck. Also ich bin pünktlich zur Arbeit gekommen und habe die Stadt Berlin in Ruhe gelassen. So bin ich halt. Trotzdem hab ich immer noch keinen Bock und lese erst mal die Zeitung.
Tod am Flughafen löst Debatte um Elektroschocker aus. Von mir aus.
Ich sehe mir lieber die Fotos vom Klassentreffen an, zu dem ich neulich gefahren bin. 25 Jahre Abitur. Lauter Teenager, die in die Jahre gekommen sind. Vertraute Gesichter, jetzt überlagert von einer 25-jährigen Schicht aus Verbissenheit, Eigensinn, vergeblicher Anstrengung, mühsam verhaltener Frustration und unmenschlicher Selbstbeherrschung. Gelegentlich bin ich selbst auf dem Bild, stets mit gefletschten Zähnen. War trotzdem ein schönes Klassentreffen, auch wenn die nach Amerika Ausgewanderten nicht dabei waren, nebst denjenigen, die auf Dienstreise in Shanghai waren. Man kann nicht alles haben.
Weiterhin, um mich vor Arbeit zu drücken und weil ich keinen Bock habe, lese ich dann doch den Artikel über den polnischen Einwanderer auf dem Flughafen in Vancouver, der von einer Elektroschockpistole getötet wurde, die man Taser nennt. Hat nun der Taser getötet oder die Hand, die ihn absichtsvoll führte? Oder war’s gar der Polizist, dem die Hand gehörte, die den tödlichen Taser führte? Lasst mich raten: Der Polizist war’s. Tolles Wort überhaupt: Taser. Klingt wie Laser oder Teaser. Teaser gefällt mir am besten. Das klingt wie Ärgern. Doch halt - das ist nicht Star Trek. Das ist eine Zeitungsnachricht, die von einer wahren Begebenheit spricht. Aber ich war ja nicht dabei; und wer ist schon auf dem Flughafen in Vancouver? Du etwa?
Ich muss an meine Abizeit denken (Oh ja! So weit bin ich schon, dass ich von meinen Erinnerungen zehre), wo wir pubertierenden Hitzköpfe die Welt verändern wollten und heimlich mit der RAF sympathisierten, wo doch der Christian Klar mit dem Bruder von Stefan zur Schule ging, gell? Wie wir besoffen auf Friedensdemos und Ostermärschen mit torkelten und uns unendlich mächtig fühlten.
Ich weiß noch nicht recht, ob mich die Geschichte mit dem Polnischen Einwanderer interessiert. Jedenfalls lese ich, dass die Waffe schon 46 Sekunden nach Eintreffen der Polizei eingesetzt wurde, obwohl sie nicht von dem Mann bedroht wurden… 68 Sekunden nach ihrem Eintreffen lag der Pole regungslos am Boden. Will sagen tot. Aber das schreibt die Presse nicht. Pfui so ein Wort. Tot. Regungslos, schreibt die Zeitung, lag der Pole am Boden, 68 Sekunden nach Eintreffen der Polizei. Zuvor hatte er einen Stuhl durch die Gegend geschmissen und nach seiner Mutter gerufen, die – und nun fange ich an zu fabulieren (das ist das Gute, wenn man nicht dabei gewesen ist) – Die Mutter wollte ihn also abholen in der Ankunftshalle. Wieder Vermutung: Nach fünf Stunden ist sie gegangen in der Annahme, dass der erwartete Sohn nicht in diesem Flieger war. Wie konnte sie ahnen, dass die Einreiseprozedur 10 Stunden dauern würde. Man muss wissen, dass eine polnische Mama für ihren Sohn etwas Heiliges ist und gleich nach der Jungfrau Maria rangiert, dass ein Langstreckenflug von Warschau nach Vancouver mit Warte- und Umsteigezeiten, sagen wir, 16-22 Stunden dauert. Man rechne die 10-stündige Einwanderungsprozedur mit pedantischen Kontrollen und peinlichen Befragungen hinzu und revidiere seine Auswanderungspläne.
Ich überlege, ob meine ehemaligen Schulkameraden, die ausgewandert sind, die gleiche nervenaufreibende Prozedur mitmachen mussten und ob sie deshalb nicht zum Klassentreffen gekommen sind. Aber nicht doch – das war vor 9/11. Damals war die Welt noch freundlich und im TV sangen Äffle und Pferdle den Bananenblues.
Doch zurück zu unserem Polen: Ob Pole oder nicht – die Wartezeiten und Einreiseformalitäten, verbunden mit dem unendlichen Misstrauen, das man ihm entgegenbrachte, zusammen mit einem geschätzten Schlafentzug von 32 Stunden, haben diesem Opfer den letzten Nerv geraubt. Außerdem beherrschte er die Landessprache nicht und vermisste seine Mama. Doch wen interessiert das auf den Flughäfen dieser Welt im Jahr 2007? Vancouver oder nicht. Hier herrschen Ordnung, Internationale Konventionen und eine Menge Ansichten, die sich unter dem Sammelbegriff Flughafensicherheit tummeln. Zum Beispiel, dass man nicht rumschreien darf. Da ärgern wir den gestressten Fluggast gleich mal ein bisschen mit dem Teaser – äh – Taser. Mal sehen wie viel er aushält. Der ideale Fluggast im Jahr 2007 ist widerstandsfähig bis zur Weltraumtauglichkeit.
Vielleicht aber – und wieder stelle ich Vermutungen an – haben die Bluthunde Angstschweiß gerochen und haben einfach zugebissen – bildlich müsst ihr sie euch in sauberen Uniformen und diskret aussehenden Stäben vorstellen, dazu noch mit extrem geringem Monatsgehalt.
Das ist das Schöne an meinen Vermutungen. Ich kenne die Hintergründe nicht. Ich hätte nur fast einen städtischen Laubfeger umgefahren heute früh. Fast gerät mein ohnehin niedriger Blutdruck in Wallung über diese Geschichte. Was wenn ich dabei gewesen wäre? Ich hätte den Jungs auf die Finger geklopft wie eine polnische Mama und ihnen den Teaser aus der Hand genommen. Schluß jetzt, das ist zu gefährlich!
Stattdessen sitze ich im Büro und schiebe erneut das Begleichen einer Rechnung auf. Kein Wunder. Es ist Montag. Ich hasse Montage und werde jetzt nicht anfangen zu singen „I don’t like Mondays“ – sonst muss ich euch noch die Geschichte von dem Amoklauf erzählen, an den ich – wer weiß warum - gerade jetzt denken muss. Es war auf einem Schulhof in San Diego im Jahr 1979. Ein 16-jähriges Mädchen schoss in den Schulhof und tötete 10 Menschen. Die Boomtownrats machten einen Welthit daraus. So kam der Amoklauf in Mode. Heute lieben wir ihn.
Na ja, Teenager sind gefährliche Druckdampfkessel. Wenn ich an meine Abizeit zurückdenke, wir waren auch ziemlich verwirrt und frustriert. Ein beliebter Schlachtruf war: Gebt mir ein Gewehr ich will in den Krieg!! Wir sind eben nicht Amok gelaufen, obwohl uns danach war. Dazu hatten wir zu viel Respekt vor denen, die am längeren Hebel saßen. Wir haben auf die eine oder andere Weise geduckt überlebt. Mehr durfte man nicht erwarten.
Unser Einwanderer in Vancouver war kein jugendlicher Amokläufer. Wurde er für einen gehalten? Es reicht ja schon ein lautes Wort, um auf einem Flughafen die Sicherheitskräfte auf den Plan zu rufen. Und die sind abgerichtet wie Bluthunde. Mit feinen Uniformen, vielen Regeln im Kopf und einem auf Angriff konditionierten Kleinhirn. Töten ist geläufig und sauber geworden, blutleer und legal. Im Namen von Gesetz und Sicherheit sind bereits 18 Personen nach dem Einsatz von Tasern gestorben. Aus gutem Grund. Sie haben die Flughafensicherheit gefährdet. Wisst ihr noch, wie der böse Bär in Bayern sterben musste, weil er – wie Bären nun mal sind - ein Schaf gerissen hat? Man hat ihm sogar einen Namen gegeben. Sind wir nicht lieb?
Also man müsste den Jungs wirklich auf die Finger hauen und das Spielzeug wegnehmen. Die haben das Verantwortungsbewusstsein von Teenagern und den gesunden Menschenverstand von Hunden. Und wenn sie noch so vertrauenswürdig oder Angst einflößend ausschauen in ihren Uniformen, je nach dem wie nahe ihr ihnen schon gekommen seid.
Als ich noch jung und rebellisch war, hat man oft vom zivilen Ungehorsam gesprochen. Es war eine gängige politische Praxis. Ich erinnere an die Startbahn West in Frankfurt oder an die Atomtransporte in Gorleben. Und dann war da dieser Michael Gartenschläger, der 10 Jahre im Stasi-Gefängnis saß, weil er als Kind einen Schuppen angezündet hat. Als die DDR bankrott war, hat sie ihn kurzerhand in den Westen verkauft. Von nun an montierte er an der innerdeutschen Grenze (wieder so ein Euphemismus) SM70 – Selbstschussanlagen ab und präsentierte sie dem Spiegel-Magazin und der ständigen Vertretung der DDR in Bonn.
Dieser Herr Gartenschläger war nun kein harmloser Fluggast. Der hatte nur eine Mordswut. Das reichte schon, um von Amts wegen ermordet zu werden. 1976 wurde der Staatsfeind noch mit Maschinengewehrfeuer durchlöchert, sehr laut und mit unappetitlichem Resultat.
Wisst ihr, Menschen tun eben nur, was sie tun müssen, wenn sie zu viel kriegen von der amtlich verordneten Verantwortungslosigkeit. Jeder hat da so seine Toleranzgrenze. Da unterscheiden wir uns wenig von den Tieren und das – fürchte ich – wird sich auch nicht ändern.
Unser polnischer Einwanderer nun, der am Flughafen in Vancouver zu Tode geteast wurde, ohne je Gelegenheit zum Entwickeln widerspenstiger Ideen gehabt zu haben, war ein einfacher Mann mit Symptomen von Schlafentzug und möglicher Weise noch einer pathologischen Mutterbindung. Mehr wollen wir diesem Feind von Sicherheit und Ordnung aber nicht anhängen, der den Flughafenbetrieb so empfindlich gestört hat mit seinem Ruf nach Mama, den niemand dolmetschen konnte. Den womöglich beschädigten Stuhl hätte man ersetzen können.
Die Zeiten ändern sich. So auch die Waffen. Wir leben in einer verdammt sauberen Welt und ich frage mich, warum ich noch immer null Bock habe, da mitzumischen. Vielleicht hätt’ ich den Stadtarbeiter heute morgen doch umfahren sollen…zur Erhaltung meiner Arbeitsfähigkeit.
Daphne Elfenbein